Welches strategische Planspiel die Türkei durchspielen sollte

Welches strategische Planspiel die Türkei durchspielen sollte

Kartenausschnitt der umkämpften syrischen Region Idlib (tskmap.net)

Kartenausschnitt der umkämpften syrischen Region Idlib (tskmap.net)

Was die Türkei - somit die türkische Regierung und die türkische Armee - in Nordsyrien auch anstellt, es passt nicht ins Konzept der europäischen Politiker, Parteien, Koalitionen und damit nicht in den Kram Europas. Als wäre das nicht komplex genug, auch nicht der geopolitischen Strategie der Russen oder der USA. Welche Strategie sollte die Türkei denn eigentlich verfolgen?

Nehmen wir doch an, Europa und die USA sprechen in Zusammenhang mit der Krise in der syrischen Region Idlib ein ernstes Wörtchen mit Russland. Wird das Putin beeindrucken?

Putin hat schon klar gestellt, was er von einem Runden Tisch hält, die die Europäer vorgeschlagen haben, um eine Waffenpause in der syrischen Region Idlib auszuhandeln. Putin will ausschließlich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan verhandeln; und das nicht ohne Grund.

Und die USA? Die USA verfolgen eine diametrale Strategie zu Russland und der Türkei. Die Türkei versucht seit Jahren, dass die USA ihre de facto diplomatischen Beziehungen zu den sogenannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) aufgibt und die Geld- und Waffenlieferungen bleiben lässt. Bislang ohne Erfolg.

Welche Strategie verfolgt denn eigentlich Europa? Das vorauszusehen ist nicht schwer! Nach einem nüchternen "ohh, dass tut uns aber Leid, was da in Idlib den türkischen Soldaten passiert ist, kann man ja nicht oft genug verurteilen", ist nicht viel passiert. Offenbar ist die EU wieder einmal mit einem wachsamen Auge in den Schlafmodus übergegangen, die nun seit Jahren fast ununterbrochen anhält.

Was bedeutet das nun konkret für die Türkei?

Die syrischen Regimetruppen werden zusammen mit meuchelnden und mordenden Mullah-Milizen sowie russischen Kampfjets die rund 4 Millionen Syrer vor sich hertreiben, bis diese an der Grenze zur Türkei aufgelaufen sind. Das kann bereits in wenigen Wochen passieren, vielleicht sogar Tagen, wenn die Russen ihre Luftüberlegenheit massiv ausspielen und keine Hemmungen zeigen, türkische Armeeeinheiten weiterhin zu beschießen.

Russland wird angesichts der überlegeneren Lufthoheit zwar den Einsatz von türkischen Boden-Luft-Raketen (S-400 und andere bodengestützte Abwehrwaffen) provozieren, aber die Türkei wird diese nicht einsetzen, um direkt mit Russland in Konflikt und damit in einen Krieg zu treten. Man wird sich zähneknirschend weiterhin mit tragbaren Manpads verteidigen, die man im nach hinein schwer zuordnen kann und damit einer diplomatischen Krise entgeht.

Letztendlich wird es darauf hinauslaufen, dass die Regimekräfte und Russland, Idlib beinahe komplett unter Kontrolle bringen, syrische Flüchtlinge bis an die türkische Grenze auflaufen lassen, während die USA oder Europa zusehen und quasi nichts unternehmen. Besser noch, die Europäer nutzen die heraus geschundene Zeit und bauen ihren Grenzschutz massiv aus, während die Türkei damit beschäftigt ist, die Kontrolle über die türkisch-syrische Grenze aufrechtzuerhalten.

Wer hält die Grenzen dicht?

Die Folge wäre, dass die Türkei zuerst einmal ihre Grenzen weiterhin abschotten würde, um die Massen aufzuhalten. In der Zwischenzeit würden erst die europäischen, dann die weltweiten Nachrichtenticker heiß laufen: "Tragödie an der türkisch-syrischen Grenze" +++ "Türkei nimmt Flüchtlinge trotz Massaker nicht auf" +++ "Menschheitstragödie vor Erdogans Toren".

Ein perfektes Druckmittel, um die amtierende türkische Regierung noch stärker unter Druck zu setzen; vielleicht in der Hoffnung, dass die Regierung unter Erdogan politisch entmachtet wird. Die Flüchtlingskrise könnte sich so lokal eingrenzen lassen, was für die Europäer kontrollierbarer wäre.

In dieser Phase wäre es durchaus denkbar, dass die Europäer bereits zu Beginn der Regierungskrise in der Türkei mit türkischen Oppositionellen Verhandlungen aufnehmen, um diese Krise vorab in ihrem Sinne unter Dach und Fach zu bringen und als Gegenleistung Unterstützung bei der Wahl des einen oder anderen genehmen Oppositionellen anzubieten; selbstverständlich so darauf ausgelegt, dass die Türkei nicht nur soviel wie möglich von den Flüchtlingen an der Grenze aufnimmt, sondern auch die in Europa Schutzsuchenden anstandslos zurücknimmt.

Planspiele erlauben keine Tugenden

In diesem Planspiel bleibt die Moral und der Anstand selbstverständlich auf der Strecke. In Krisenzeiten sind das aber keine Tugenden, die ein Land voranbringen oder aus einer Krise hinaus manövrieren.

Man sollte nicht der Annahme verfallen, dass die Europäer einen ausgeprägteren Sinn für universelle Menschenrechte haben, insbesondere in Zusammenhang mit Flüchtlingen, wenn diese Krise sie heimsuchen könnte; was ja im Grunde bereits im kleineren Ausmaß an der griechischen wie bulgarischen EU-Außengrenze zu beobachten ist. Kein europäischer Politiker, kein Ministerpräsident oder kein*e Kanzler*in, keine Partei und keine Koalition in Europa, wird sich erneut in die Nesseln setzen und einen Flüchtlingsdeal mit der Türkei wie im Jahre 2015 aushandeln, das die Ausmaße von damals bei weiten übertreffen wird. Es würde ihnen den Todesstoß versetzen, angesichts der wiedererstarkten rechten Parteien.

Man darf auch nicht verkennen, dass dieses Planspiel der Europäische Union ermöglicht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen: einerseits indirekt die unangenehme Erdogan-Regierung vom Thron gestürzt haben, andererseits die Flüchtlingskrise abgewendet und dafür Sorge getragen zu haben, dass das mit der künftigen Regierung nicht nur per Handschlag, sondern vertraglich abgesichert wird.

In diesem Planspiel würde sich die Türkei lange Zeit davon nicht mehr erholen können und wieder zum Spielball der Europäer degradiert werden. Gewinner wären einerseits die Europäer, andererseits aber auch lokale Kräfte wie die SDF, sprich die Terrororganisation PKK, die unter dem Schutz der USA wiedererstarken würde.

Gut, dass das nur ein Planspiel war!

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