Mittelmeer-Konflikt: Taktische Signale aus Berlin

Mittelmeer-Konflikt: Taktische Signale aus Berlin

WELT: Wie die Türken die griechische Armee überrollten

WELT: Wie die Türken die griechische Armee überrollten

Was passiert mit dem Euro wenn in der Ägäis oder im Mittelmeer ein griechisch-türkischer Grenzkrieg ausbricht? Deutschland scheint diese Frage nun ernstzunehmen.

Der transatlantisch motivierte psychologische und wirtschaftliche Krieg Deutschlands gegen die Türkei ist zumindest im Mittelmeer in eine für Deutschland und die EU sehr gefährliche Position geraten.

Das verdeckte Signal der deutschen Springer-Presse an Athen ist nicht zu überhören. Die Botschaft aus Berlin lautet: Den Bogen nicht überspannen.
Die historische Analogie zum türkisch-griechischen Krieg von 1919-1922 ist geschickt gewählt. Das ist kein Zufall. 

Der WELT-Artikel liest sich wie ein Planspiel für die Gegenwart. Die im Artikel mit deutscher Gründlichkeit aufgezählten griechischen Schwächen von damals gelten auch heute. Griechenland kann wieder zum gigantischen Verlustgeschäft für den Westen werden. So die unterschwellige Botschaft aus Berlin. 

Der westliche Schuss ist längst und wie so oft in den letzten 20 Jahren nach hinten losgegangen. Im mediterranen Konflikt sind auch die prowestlichen Parteien in der Türkei auf die harte Linie von Präsident Erdoğan eingeschwenkt. Niemand will sich jetzt vorwerfen lassen mit dem griechischen Erzfeind zu paktieren. Damit läuft der Westen Gefahr seine Einflussagenten in der Türkei langfristig zu beschädigen. 

Gleichzeitig kriselt es an allen Ecken und Enden der europäischen "Sicherheitsarchitektur". Von Mali über Libyen bis Weißrussland kann es jederzeit zu sehr unfreundlichen Entwicklungen für die europäische Geopolitik kommen. Verbündete wie Israel und Ägypten sitzen längst nicht so fest im Sattel wie man es in den transatlantischen Planungsstäben gerne hätte. Die Coronakrise hat die innenpolitischen Destabilisierungstrends weiter verschärft. In dieser chaotischen Lage stehen überall wichtige Wahlen an.
 
In dieser Lage werden die transatlantischen Strategen versuchen keine unnötigen Risiken einzugehen. Der Krieg gegen die Türkei wird sicher nicht eingestellt. Der Westen wird aber bis zu den Wahlen versuchen, in der Türkei die eigenen Kräfte zu schonen und weiter auszubauen. Griechenland jedenfalls ist der schwächste Punkt der EU. Gerade von Griechenland aus zu einem Endgame gegen die Türkei anzusetzen wäre alle andere als klug.


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»Im Pariser Vorort Sèvres hatten die Sieger des Ersten Weltkriegs 1920 das Osmanische Reich auf Kleinasien reduziert. Frankreich, Großbritannien und Italien sicherten sich mit Waffengewalt weite Gebiete. Auch Griechenland konnte als Juniorpartner Teile Thrakiens gewinnen. Doch das war dem griechischen Nationalismus nicht genug. (...) 

Doch je weiter die Griechen nach Osten vordrangen, umso mehr überdehnten sie ihre Nachschubwege, bis sie die Niederlage am Sakarya zum Rückzug zwang. (...)

„Obwohl die griechischen Truppen das Gebiet ein Jahr lang besetzt gehalten hatten, war nichts zum Ausbau des rückwärtigen Straßennetzes geschehen“, schreibt der Mannheimer Historiker und Griechenland-Spezialist Heinz A. Richter. Hinzu kam noch, dass die Offiziere in Anhänger des Königs und des inzwischen gestürzten Ministerpräsidenten Eleutherios Venizelos gespalten waren und „mehr Zeit mit gegenseitigen Intrigen als mit Verteidigungsvorbereitungen verbrachten. Unter den Mannschaften machte sich Defätismus breit, der sogar zu Desertionen und Fast-Meutereien führte.“
Hinzu kam eine unglaubliche Korruption bei Heereslieferungen. Unter dem Oberkommando eines royalistischen Generals wurden gleichgesinnte Lieferanten bevorzugt. Sie machten ein Vermögen, während den Frontsoldaten das Nötigste fehlte. In Griechenland selbst kam es zu Antikriegsdemonstrationen. „Kurzum“, schreibt Richter, „die Moral der griechischen Armee war auf einem Tiefpunkt.“ (...)

Um deren Vormarsch aufzuhalten, setzten die Griechen auf die Taktik der verbrannten Erde. Ein amerikanischer Offizier, der kurz darauf die Gegend bereiste, berichtete: „Alle Städte … sind faktisch durch Feuer zerstört. Es gibt zahlreiche Berichte von Raub, Plünderungen und Zerstörungen während des Rückzugs der Griechen.“ „Es kam zu Übergriffen gegenüber der örtlichen türkischen Bevölkerung“, schreibt Richter, „die die nachstoßenden türkischen Einheiten in helle Wut versetzten und die mit zu den späteren Ausschreitungen in Smyrna beitrugen.“« 

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