Hanau und die Verrohung - Wie man Opfer seziert

Hanau und die Verrohung - Wie man Opfer seziert

Totengebet auf dem Hanauer Martkplatz vom 24. Februar 2020

Totengebet auf dem Hanauer Martkplatz vom 24. Februar 2020

Wenn ein extremistischer Terrorist in Hanau auf Menschen in Shisha-Bars schießt, fragt er nicht vorher nach ihrer Herkunft, Religion, Glaubensrichtung, politischer Gesinnung oder nach der Staatsangehörigkeit.

Dieser Terrorist unterscheidet auch nicht zwischen Christen, Atheisten oder Muslimen, Sinti oder Roma, Bosniern, Deutschen oder Türken.

Seine Intention ist, so viele wie möglich und so schnell wie möglich zu töten, weil sie fremd empfunden werden.

Man nennt diesen Täter Terrorist, weil er Terror verbreitet. Man kann diesen Täter als Irren bezeichnen, man kann diesen Täter auch als psychologisch Krank bezeichnen, aber das haben nun mal Terroristen so an sich. Nur Irre, psychologisch kaputte Menschen kommen auf die Idee, andere Menschen aufgrund ihrer Andersartigkeit, ihrer politischen, religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit zu töten.

Ethno-Nationalisten und ihr Skalpell

Dann gibt es noch ganz andere Irre. Irre, die mit ihrer spitzen Feder die Opfer von Hanau sezieren, um daraus politisches, ideologisches und privaten Kapital zu schlagen. Dazu gehören Personen aus dem Kreise der AfD, anderer Parteien und vor allem Aktivisten.

Ein Prachtexemplar heißt Ronya Othmann, eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Ein weiterer heißt Ahmad A. Omeirate. Das erste Prachtexemplar schickt sich an, die Teilnahme einer Deutschen mit türkischen Migrationshintergrund in einer TV-Talkshow zu kritisieren. Der Vorwurf lautet:

Unter den Opfern in #hanau waren Kurden. Viele Kurden sind vor antikurdischem Rassismus nach Deutschland geflohen. Wieso wird Kübra Gümüşay eingeladen, die zu dem antikurdischen Rassismus schweigt und kurdische, êzîdische, alevitische Kritiker*innen blockiert?

Als ob es nicht reicht, dass die Opfer von einem extremistischen Täter getötet wurden, die Angehörigen in tiefer Trauer sind, zieht Othmann alle Register und poltert nur wenige Stunden nach dem Terroranschlag gegen Kübra Gümüşay, die als Gast an einer Talkshow teilnehmen soll. Ihr einziges Vergehen ist, einen türkischen Migrationshintergrund zu haben und nicht die Ideologie zu teilen, die Othmann vehement vertritt.

So dachte der Terrorist von Hanau auch. Er arbeitete auch mit Zuschreibungen, er vertrat diese auch und ging bis zum äußersten. Er zog alle Register und tötete einen "Fremden" nach dem anderen, insgesamt 9, danach die eigene Mutter und sich selbst. Er machte dabei jedenfalls keinen Unterschied zwischen "Kurden" oder "Türken". Aber Ronja Othmann macht das, sie unterscheidet nun zwischen den Opfern, die ihrer Meinung nach nur von ihresgleichen zu vertreten sind.

Das Konstrukt des Anderen

Ihre Zuschreibungen sollen marginalisieren, stigmatisieren, sie sind aber verroht und durchsichtig. Hinter der Rhetorik verbirgt sich lediglich Antitürkismus und Propaganda gegen Türken und die Türkei. Die Propaganda entspricht der Linie der völkischen Kurden der PKK; nicht zu verwechseln mit Kurden an sich: Kübra Gümüşay und Konsorten haben den türkischen Islamnationalismus nach Deutschland eingeschleppt und sie schweigen zum antikurdischen Rassismus im Herkunftsland.

Nicht umsonst wird diese Zuschreibung gemacht. Das Tatsächlich in Deutschland vorhandene Problem des Rechtsextremismus und insbesondere der Gewalt gegen Migranten wird vollständig auf die Türkei und die Türken projiziert. Türkische Einwanderer oder Deutsche mit türkischen Migrationshintergrund werden angesichts der ihnen zugeschriebenen unüberwindlichen wertekulturellen und ideologischen Unterschiede zu ihresgleichen als schlechthin fremdartige Monster imaginiert. So wird die reale Gefahr für Migranten, terroristische Gewalt zu erleiden, zu einer Bedrohung des deutschen wie "kurdischen Volkes" durch Türken und der Türkei umgedeutet.

Ethno-Nationalisten und ihre Rhetorik

Dazu kapert Ronja Othmann gern einmal auch die Rhetorik des ihr verhassten Rechtsextremismus, wie die eines Tobias R. und dividiert die Opfer wie auch Migranten mitsamt ihren unterschiedlichen Sprachrohren auseinander. Eine perfide Strategie, angesichts dessen, dass diese Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Ideologie zusammen in Shisha-Bars saßen und gemeinsam Zeit verbringen wollten, ungeachtet ihrer Verschiedenheiten, ehe der Terror über sie hineinbrach. Was Tobias R. nicht geschafft hat, vollenden nun diese Trennscheiben der Gesellschaft. Ideologische Trennscheiben haben wir hier im Land aber zur Genüge, es reicht daher!

Wer jetzt noch mit Phrasen wie "Islamisten", "Türken" und "Kurden" arbeitet, ist ein Teil des Problems, verschiebt den Diskurs. Das wird den Opfern nicht gerecht, die zusammen, ich betone zusammen, chillen wollten und zusammen zwangsgegangen worden sind.

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