Die ausgelutschten Haustürken

Die ausgelutschten Haustürken

Die ausgelutschten Haustürken - Aziz Bozkurt @aziz_b

Die ausgelutschten Haustürken - Aziz Bozkurt @aziz_b

Akif Pirinçci ist uns heute als Volksverhetzer bekannt. Der plumpe politische Diskurs von Necla Kelek hallt bis heute negativ nach. Aus der Rechtsanwältin Seyran Ateş wurde eine Sektenanführerin, die seit 1984 mit der Nahtoderfahrung nicht klarkommt und deshalb seither als Selbstschutz Personenschutz bekommt.

Sie alle hatten die Rolle des Masterminds bekommen, die Deutungshoheit über die im Land lebenden Türkischstämmigen oder Türken zu gewinnen. Mit ihrem schwachsinnigen Geschwafel über Türkischstämmige, Türken, die Türkei oder den Islam, hatten sie zeitweise alle eine Gesellschaft hinter sich gescharrt, die ihnen jeden Müll abgekauft hat, vor allem im rechtslastigen Milieu.

Zu ihrer Seite standen aber auch Journalisten und Journalistinnen, die diesen Müll ja an den Mann oder die Frau bringen mussten. Da wäre unter anderem Güner Balcı, die Sarrazin in Berlin-Neukölln begleitete. Dann gibt es noch einen gewissen Metin Gülmen, der den türkischstämmigen Boxer Ünsal Arık promotet, und seit einiger Zeit auch den Politikwissenschaftler Burak Çopur, der zudem von Aziz Bozkurt (SPD) etabliert wird.

Wie lange die Halbwertszeit dieser Gestalten ist, darüber entscheidet einerseits die Politik, andererseits die Mehrheitsgesellschaft selbst, sofern sie nicht mehr tragbar sind. Wenn sie wie Pirinçci, Kelek, Ateş, Sarrazin mit Balcı enden, dann ist auch die Zeit für diese neue Generation von Haustürken bald abgelaufen.

Ironie der Geschichte ist, dass diese Haustürken sich selbst ein Bein stellen und dabei über sich selbst stürzen - gerade weil sie versuchen, im gleichen Stechschritt zu marschieren. Nehmen wir doch einmal Aziz Bozkurt, den Bundesvorsitzenden der AG Migration und Vielfalt in der SPD. Wenn er aus dem Nähkästchen erzählt und dabei Eyüp Odabaşı (ehemals Grüne) ins Visier nimmt, wird es ziemlich unschön, weil es an Gesinnungsdiktatur erinnert.

Weshalb hat man das Bedürfnis, die Essgewohnheit eines Eyüp Odabaşı im sozialen Netzwerk zu teilen, und wie kriegt man es hin - wohlgemerkt als Antwort auf die Einlassung von Çopur, mit der im Kuchen enthaltenen Gelatine eine angebliche Nähe zur AKP bzw. Erdoğan zu wittern?

Man muss schon selten dämlich sein, um damit überhaupt hausieren, haustürkieren zu gehen. Genauso dämlich empfand ich es als Kind, wenn mich Deutsche Kinder aus ihrem Sandkasten drängten oder nicht mit drin haben wollten und mir dabei jede noch so idiotische Sandburg vor der Nase bauten. Meine Wenigkeit hatte dann das starke Bedürfnis, den Schniedel herauszuholen und den Haufen niederzupieseln.

Heute ist das selbstverständlich anders. Heute lache ich nur über diese künstliche Burgmentalität, weil dieser Irrsinn bei Einzelnen etwas Seltenes ist, aber bei Gruppen kuriose Dynamiken entwickelt, die von einem Desaster in ein anderes endet.

Das Problem dieser Haustürken ist ihr hohes Bedürfnis an Zugehörigkeit, das Gefühl irgendwo willkommen zu sein. Sie versuchen sich deshalb, als Individuen der Mehrheit unterzuordnen, um ihre Einbindung in die Gruppe und ihre Mitgliedschaft in selbiger nicht zu gefährden. Das wiederum führt zu schlechten und realitätsfernen Entscheidungen, wie im Falle des Aziz Bozkurt, der sich über ein Eklat mit der Gelatine in einem Kuchen verausgabt.

Individuen, die sich nicht wie diese Haustürken der Mehrheit unterordnen, weil sie nach Jahren des Einsatzes, immer noch vor leeren Versprechungen stehen, gehen entweder oder sprechen das aus, was sie bewegt. Sie sind in dieser Hinsicht also freier als diese Haustürken selbst.

Das bedeutet aber auch, dass diese Haustürken andererseits Sklaven sind, die andere versklaven wollen oder ihnen eintrichtern, Sklaven zu sein. Mitunter wenden diese Haustürken deshalb Gesinnungsschnüffelei, verbreiten Verschwörungstheorien und sind sich dabei auch nicht zu Schade, sich unter Wert zu verausgaben. Meist endet das wie in den vorgenannten Fällen in einem Desaster.

Aziz Bozkurt ist gegenüber seinesgleichen erbarmungsloser und brutaler hervorgetreten als er es gegenüber seinen Vorgesetzten je ins Auge fassen würde. An und für sich zeigt das nur, was für ein Dummschwätzer er ist. Welche Burschen sind eigentlich latent giftiger für eine Gesellschaft, als ein Grüner "Veganer" oder "Muslime", der Gelatine konsequent meidet?

Auf der anderen Seite steht Burak Çopur immer mehr im Fokus, auch weil andere Haustürken ihm immer mehr den Rücken stärken. Ein weiterer "Pirinçci"? Nein, nur ein weiterer Haustürke, der nach der deutschen politischen Lehrmeinung, der AKP und Erdoğan die Leviten lesen muss.

Dabei hält Çopur selbst an einer Partei fest, die in der Türkei zu verorten ist: der Republikanischen Volkspartei CHP. Laut der derzeitigen politischen Lehrmeinung in Deutschland steht die CHP ja für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.

Um zu verstehen, wie die Partei tickt, liest man sich eigentlich das Parteiprogramm durch. Aber Vorsicht, manchen der deutschen Mehrheitsgesellschaft, wird das Programm nicht gut bekommen. Was verteidigt die CHP in ihrem Programm?

  • Die Türkei hat das Recht und Pflicht, die PKK im Nordirak zu verfolgen; im Umkehrschluss auch in Syrien.
  • Die EU darf die Zypern-Krise nicht als Faustpfand für die EU-Beitrittsgespräche verwenden.
  • Die Türkei steht entschieden gegen die Vorwürfe des sogenannten "armenischen Völkermords".
  • Man will nicht assimilieren, man steht für die Integration.

Also, wie zum Teufel bringt Çopur das ganze unter einen Hut, wenn er zugleich den völkisch-kurdischen Organisationen aus der Seele spricht, der Türkei "100 Jahre türkische Völkermordleugnung" vorwirft, aber selbst ein frenetischer Anhänger der CHP ist?

Ich sags euch: er betreibt politischen Taqīya. Er outet sich ja hier als Antikemalist und Antitürke, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als Hardliner der CHP. Diese Herrschaften müssen also nicht weit herum Schweifen, um zwiespältige Persönlichkeiten in Deutschland auszumachen.

Noch fühlen sich diese vor der Mehrheitsgesellschaft sicher, aber sobald Erdoğan die Macht verliert, werden sie diese Mehrheitsgesellschaft, die völkischen Kurden, die Armenophilen und hiesigen völkischen Armenier schneller verraten als man es sich vorstellen kann. Dann nehmen wir diese Haustürken wieder in die Arme...

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