Das Erbe Atatürks als Argument gegen Erdoğan

Das Erbe Atatürks als Argument gegen Erdoğan

Das Erbe Atatürks als Argument gegen Erdoğan

Das Erbe Atatürks als Argument gegen Erdoğan

Dass die Hagia Sophia nach 86 Jahren Museumsgeschichte wieder in eine Moschee umgewandelt wird, ist ein Zeichen, dass die Türkei wieder ein Stück weit selbst über sich gewachsen ist. Es ist, wie Christian Meier in der FAZ feststellt, kein "Schlag gegen das säkulare Erbe der Türkei – und gegen deren Gründer", sondern eine Frage der Volkssouveränität, der Selbstbestimmung des Volkes.

Deshalb kauft kein Türke im In- wie Ausland die hysterische europäische Empörung über die Umwidmung der Hagia Sophia ab, und das zurecht. Unabhängig davon, wie die Türken in Teilen selbst zu dieser Sache stehen.

Nun setzt die europäische Empörungskultur vermehrt auf die Masche mit Atatürk. Aber Atatürk eignet sich auch nicht als Argument gegen die Moscheeisierung der Hagia Sophia, da die Rahmenbedingungen in der Gegenwart eine andere sind als in der Vergangenheit. Allen voran daran scheitern bereits alle Erklärungsmuster in Zusammenhang mit Erdoğan und der Umwidmung der Hagia Sophia.

Atatürk lebte zu einer Zeit, da stand das Osmanische Reich nach Jahrhunderten der Expansion, einer Stagnation, zu seinen Lebzeiten in der Endphase der Zerschlagung. Fortan leistete Atatürk erbitterten Widerstand. Erst an der Palästinafront, dann an den Dardanellen. Auf beiden Schlachtfeldern erntete er Anerkennung für seine Leistungen als Kommandeur.

An der Zerschlagung des Reichs änderte das freilich nichts. Erst als die erdrückenden Vertragsbedingungen der Entente offensichtlich wurden, machte sich der nunmehr als Sultansinspekteur ernannte Atatürk an die Arbeit, in Inneranatolien Widerstandsgruppen zu vereinen, eine Armee aufzubauen und einen Nationalrat als Pendant zur Marionettenregierung in Istanbul zu gründen. Damit begann die Geschichte der Türkei.

Ja, Atatürk war die treibende Kraft, aber auch er war auf die Selbstbestimmung des Volkes angewiesen, um die Besatzer aus dem Kernland zu vertreiben, der Entente einen Friedensvertrag zu diktieren, bei der sie ihr Gesicht bewahren konnten und die Türkei das maximalste herausholen konnte.

Atatürk verstand es aber auch, die geopolitische Lage auch nach der Republikgründung für sich umzumünzen. So schaffte Atatürk es, dass das französische Mandatsgebiet "Sandschak Alexandrette" nach 1939 zur türkischen Provinz Hatay erklärt und einverleibt wurde.

Die Türkei wurde auch nach Atatürk immer wieder herausgefordert, um ihr Recht der Selbstbestimmung durchzusetzen. Als 1974 die türkische Armee in Zypern landete und die Inselteilung durchsetzte, um die zypriotischen Türken zu schützen, zeigte die Türkei erneut, dass die Europäer wie auch die Weltgemeinschaft die rote Linie längst überschritten hatten. Wozu die anderen Garantiemächte und die Weltgemeinschaft nicht imstande waren, ein Volk zu schützen, das übernahm die Türkei selbst in die Hand.

Aber die Europäer und die Weltgemeinschaft waren imstande, mit denselben gegenwärtigen Erklärungsmustern die Türkei zu sanktionieren, das Land dafür abzustrafen. Geändert hat das an der Situation freilich nichts. Bis heute ist die Insel geteilt.

Schlimmer noch: während man die Wiedervereinigungsbestrebungen der Inseltürken gleichgültig mitverfolgte, nahm man die Inselgriechen in die EU auf. Selbstverständlich unter Missachtung der eigenen strikten Regeln der EU-Aufnahme.

Als in Syrien 2011 der Bürgerkrieg ausbrach, setzte die Türkei erneut auf die Europäer und die USA, die den syrischen Machthaber stürzen wollten. Als dieser Plan durch die Intervention Russlands und des Irans zunichtegemacht wurde, wendete sich das Blatt zu Ungunsten der Türkei. Diesmal versuchten Europäer wie auch die USA mit denselben Erklärungsmustern, einen Satellitenstaat an der Südgrenze der Türkei zu etablieren. Das dreckige Spiel durchkreuzte die Türkei, in dem sie in Nordsyrien einmarschierte und seitdem die Daumenschrauben anzieht.

Bis heute sind dieselben Erklärungsmuster des Westens, die in der Vergangenheit gegen das Osmanische Reich, dann gegen die Türkei gerichtet wurden, nicht verstummt.

Wie man sieht, gab es und gibt es genug Erklärungsmuster, womit man der Türkei den schwarzen Peter zuschieben kann, um die eigenen Vorteile voll zur Geltung zu bringen. Aber es ändert nichts daran, dass die Sicherheit und Ordnung des Landes in der Hand der türkischen Regierung und damit in der Selbstbestimmung des Volkes liegt; unabhängig davon, wer nun an der Macht ist, was die europäische oder US-amerikanische Politik oder deren mediale Hysterie nun sagt oder an die Wand malt.

Würde heute Atatürk wiederauferstehen, hätten die Europäer, die USA oder Russland ebenso wenig zu lachen wie unter all den nachfolgenden Ministerpräsidenten des Landes. Der Unterschied liegt nur in der Art der Durchsetzung dieser Interessen. Atatürk wäre jedenfalls nicht so nachsichtig und zurückhaltend gewesen, wie all die Nachfolger danach.

Zypern wäre nicht nur geteilt, sondern wäre gänzlich vom Einfluss Griechenlands und Großbritanniens befreit. Den Nordirak und Nordsyrien gebe es nicht mehr, denn sie wären mit durchgesetzten Volksreferendums längst türkische Provinzen geworden. Die EU-Beitrittsgespräche wären dann nicht nur auf Eis, sondern abgebrochen worden, weil man sich mit Aserbaidschan und anderen Völkern des Kaukasus zu einer Wirtschaftsunion vereinigt hätte.

Apropos EU-Beitrittsverhandlungen... Die einmalige Chance, die Türkei in die EU aufzunehmen und damit auch das Volk für sich zu gewinnen, diese Chance ist vergeben. Die Geschichte verzeiht solche Fehler nicht, die die Europäer gemacht haben. Der Fehler war und ist auch heute noch, das türkische Volk für dumm zu verkaufen.

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