"Revolutionäre moderne" Anwältin im Hungerstreik

"Revolutionäre moderne" Anwältin im Hungerstreik

Avukatlar neden ölüm orucunda? - ÖZGÜRÜZ RADYO | Onur Öncü

Avukatlar neden ölüm orucunda? - ÖZGÜRÜZ RADYO | Onur Öncü

Die Rechtsanwältin Ebru Timtik sowie Rechtsanwalt Aytaç Ünsal hungern in einem türkischen Gefängnis für einen "fairen" Prozess. Was die Anwälte als moderne Ausdrucksform des Protestes verstehen, betrachten Soziologen als ein Relikt der Vergangenheit. 

Anfang 2019 wurden insgesamt 18 Mitglieder des "Modernen Rechtsanwaltsverein" (ÇHD) wegen Mitgliedschaft in der marxistisch-leninistischen DHKP-C zu insgesamt 159 Jahren Haft verurteilt. Timtik wurde zu 13 Jahren, Ünsal zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig, weil das Kassationshof die Urteile noch prüft, aber die Haft bleibt seitdem bestehen. 

Das Nachrichtenportal "Özgürüz" stellt nun die gewissenhafte Frage, warum die beiden sich zum Hungerstreik entschlossen haben und seit mehr als 170 Tagen durchhalten. Can Dündar betreibt das türkische Nachrichtenportal "Özgürüz", was für "Wir sind frei steht".

Mitglieder fanatischer oder militanter Bewegungen oder Organisationen haben es so an sich, in letzter Konsequenz sich für Selbstmord oder Hungertod zu entscheiden. Den Selbstmord beherrschen deshalb nicht nur Militante der DHKP-C, PKK oder YPG, sondern auch Militante der IS, um so viele wie möglich mit in den Tod zu reißen.

Der Hungerstreik selbst ist ein politischer Protest, meist in einer Gefangenschaft, der aus einer unerträglich empfundenen politischen Lage heraus begonnen wird. Merkwürdigerweise bedienen sich sogenannte freie Militante dem Terror, um auf die angeblich unerträglich gewordenen politischen Bedingungen aufmerksam zu machen oder gewaltsam aufzuheben.

Beides ist, wie auch der Soziologe Émile Durkheim feststellte, ein archaisches Relikt und ein Produkt eines Kollektivbewusstseins, der meist in einem heldenhaften Freitod endet. Diese Art der Aufopferung findet in der DHKP-C, PKK, YPG und IS immer wieder Freiwillige.

Es ist doch geradezu grotesk, dass die Mitglieder einer sogenannten "modernen" Gemeinschaft, die sich in der "Çağdaş Hukukçular Derneği" als Anwälte zusammen getan haben, diese Form des Freitods wählen; sprich ein archaisches Überbleibsel des alten Kollektivbewusstseins, die man in Sippen oder Clans wiederfindet, weiter pflegen.

Wenn nun "Özgürüz", auf Deutsch "Freiheit", dieses Thema immer wieder aufgreift, kommt man nicht umhin, diese Freiheit in Frage zu stellen. Durkheim vertrat nämlich die Ansicht, dass mit zunehmender Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaft, dieses archaische Überbleibsel unweigerlich verschwindet. Aber man muss feststellen, dass dem nicht so ist, ja sogar als "altruistischer Selbstmord" in der Moderne wieder Einzug erhält. Altruistischer Selbstmord bezeichnet die heldenhafte Aufopferung für ein Kollektiv.

Für Durkheim war diese Form als Relikt des archaischen kollektiven Bewusstseins vom Aussterben bedroht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand diese Art von Selbstmord jedoch keineswegs; im Gegenteil, neue Formen wie der Selbstmordanschlag, der Hungerstreik und der Protestselbstmord entwickelten sich und werden unter Kollektiven wie der DHKP-C, PKK, YPG oder IS immer beliebter.

Es ist ein Irrwitz der Geschichte, dass der "Moderne Rechtsanwaltsverein" sich zurück in die Vergangenheit katapultiert und "Özgürüz" als Fahnenträger fungiert.

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