Gründungsmythos "Rojava" und das jähe Ende

Gründungsmythos "Rojava" und das jähe Ende

Militärkonvoi in der Region Deir ez-Zor

Militärkonvoi in der Region Deir ez-Zor

Kommt im syrischen Bürgerkrieg der nächste Paukenschlag? Offenbar hat sich die Türkei dazu entschlossen, im Nachbarland Syrien zusammen mit Russland die Ölfelder von Qamishli und Deir ez-Zor unter eigene Kontrolle zu bringen. Dabei geht es der Türkei vor allem darum, Russland dazuzugewinnen, die US-amerikanische Präsenz in der Region zu schwächen, wenn möglich zum Abzug zu bewegen.

Diese Offerte an Russland wurde offenbar während des letzten Treffens in Moskau zwischen Erdogan und Putin zur Aussprache gebracht. Russland dürfte dem etwas abgewinnen können, zumal ihnen, dem Iran und dem syrischen Machthaber Assad selbst die US-Präsenz ein Dorn im Auge ist.

Für Erdogan geht es vor allem um die vollkommene Zerschlagung der Terrororganisation PKK, die vor der eigenen Haustür im Schutze der USA tanzt und von den USA nach wie vor in dieser besagten Region in Nordsyrien unterstützt wird.

PKK hoch zu Ross

Damit scheint auch das Bestreben der PKK, in Nordsyrien einen eigenen "Kurdenstaat" zu errichten, ins Wasser zu fallen. Dabei hat die PKK doch seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges im Jahre 2011 alles daran gesetzt, das zu verwirklichen! Was hat man nicht alles an Saltos hingelegt, mit wem ist man denn nicht ins Bett, welchen Kraftakt hat man nicht bewerkstelligt, um mit einem in den Schoß gefallenen Gründungsmythos kurz vor dem Ziel dann doch davon abgehalten zu werden; von der Türkei!

Wer glaubt, Machthaber Assad hätte auch nur ein Stück Land an die PKK veräußert, ob nun im Ausgleich zu der Belagerung und Einnahme von Aleppo oder wegen der übernommenen Verwaltungsaufgaben in der besetzten Region, der irrt. Baschar al-Assad kommt nach seinem Vater Hafiz al-Assad, der die PKK ebenso ausnutzte und ohne die Wimper zu zucken verfolgte oder aus dem Lande verwies, wenn sie denn andere Ziele verfolgten als er.

Kurdische Autonomie im Irak in Gnaden

Das gleiche Dilemma ist in Nordirak zu beobachten, wo bis zum Sturz von Saddam die PKK zwar schalten und walten konnte, aber nie darüber hinaus gehen konnte. Heute darf sich die Region zwar Kurdische Autonomie nennen, aber eben unter der Obhut des Barzani-Clans; einem Clan, die es seit Jahrzehnten verstanden hat, mit der Türkei und der irakischen Zentralregierung zurechtzukommen. Ehemalige türkische Diplomaten wie Militärs sehen in den Barzanis nicht von ungefähr einen zuverlässigen langjährigen Partner, womit auch klar wird, wie es um die Autonomie selbst bestellt ist: es hängt von der Gnade des Iraks, Iran und der Türkei ab.

Diese Partnerschaft zwischen der Kurdischen Autonomie im Nordirak beschäftigt und bereitet der PKK seit Jahrzehnten Kopfschmerzen, wogegen sie mit allen Mitteln ankämpfen. Das Barzani-Clan ist sich dessen bewusst und setzt alles daran, um die von der PKK fortgesetzte Instabilitätspolitik zumindest die Wucht zu nehmen. Zuletzt endete ein Volksreferendum in einer internationalen Krise, die die irakische Zentralregierung mit einer Besetzung der Autonomen Region beendete, den Gebietsstand von vor 2003 wiederherstellte und per Verfassungsurteil das Referendum selbst für rechtswidrig erklärte.

Die PKK ist aber dennoch nicht allein, zumindest nicht immer. Staaten wie die USA, Israel oder Europa hatten immer ein gewisses Interesse an Terrororganisationen, um im Nahen Osten die geopolitischen Interessen zu erkämpfen und zu verteidigen. Die Terrororganisation PKK nahm dafür in Syrien nach 2011 eine unrühmliche Rolle ein.

Aus PKK wird per Initialzündung die SDF

Die USA, Großbritannien und Frankreich unterstützten ab Ende 2011 die syrischen Oppositionsrebellen - damals noch "moderat" genannt, darunter aber auch die Schwesterorganisation der PKK, die YPG. Zu Beginn 2013 hob zudem die Europäische Union das Waffenembargo gegen Syrien auf, damit die "Opposition" gestärkt gegen das syrische Regime vorgehen konnte. Von Ende 2013 bis Ende 2014 übernahm der Islamische Staat (IS) stetig weite Gebiete Syriens unter Kontrolle, bis sie bei Ain al-Arab (Kobane) an der türkischen Grenze stoppte. Hier wurde auch das Gründungsepos "Rojava" inszeniert und etabliert.

Ain al-Arab wurde aber entgegen der geläufigen Meinung im Westen, nicht nur von der PKK bzw. deren Schwesterorganisation YPG selbst verteidigt, sondern von der mächtigen Luftüberlegenheit der Anti-IS-Koalition, von kurdischen Rebellenmilizen der Freien Syrischen Armee und zum Ende hin vor allem durch Nachschub von Peschmerga-Kämpfern, die von der irakischen Autonomiebehörde Kurdistans entsendet über die Türkei in das Kampfgebiet gelangten. In dem Gründungsepos der PKK über "Rojava" wird aber auch mit keiner Silbe erwähnt, wohin die Bevölkerung von Ain al-Arab (Kobane) vor der IS geflüchtet ist: in die Türkei. Man schätzt, dass rund 300.000 Flüchtlinge allein aus Ain al-Arab über die Grenze in die Türkei flohen. 

Stattdessen wurde das Mythos der legendären YPJ manifestiert, deren kämpferische Frauen sich den bis an die Zähne bewaffneten mordlüsternen Halsabschneidern der IS stellten.

Mythos der PKK

Wer hat aber dazu beigetragen, dass die PKK einen syrisch-sandigen Sockel aufbauen konnte, um ihr Mythos darauf aufzubauen? Es war vor allem die USA, dann andere westliche Nationen und auch Israel. Die PKK bzw. deren Schwesterorganisation YPG wurde nicht aufgerüstet, um gegen Assad zu kämpfen oder die IS zu bekämpfen, ihr wurde zunächst gewährt, als Kombattanten indirekt in den Konflikt einzugreifen und die Interessen auszuloten.

Erst einige Zeit später, als es offensichtlich wurde, dass die PKK bzw. YPG nicht die Stärke hat, setzte die USA alles auf eine Karte und sorgte Anfang 2015 dafür, dass die PKK/YPG in SDF (Syrisch Demokratische Kräfte) umbenannt wird. Damit wurde die Rolle der PKK/YPG vom Kombattanten zu einer innersyrischen Opposition aufgewertet, denen man nun direkte Unterstützung im Form einer schlagkräftigen Luftüberlegenheit leisten konnte.

Mit dieser neuen Dreibuchstaben-Kombination SDF konnte die USA zusammen mit der Anti-IS-Koalition nun direkt in den Konflikt eingreifen und sorgte zudem dafür, dass die PKK eine "kurdische Stalingrad-Erzählung" bekommt. Solche heroischen Narrative und Legenden sind starke politische Argumente in der Entstehung und Konstituierung von Nationen und Staaten. Es ist kein Zufall, dass die epische Inszenierung um die "Verteidigung" von Ain al-Arab (Kobane) nur drei Monate nach Netanjahus Forderung nach einem eigenen Staat "für die tapferen Kurden" losgetreten wurde.

PKK errichtet Satellitenstaat?

Die USA sowie die Anti-IS-Koalition und Israel verfolgten in den letzten Jahren das Ziel, einen PKK/YPG-dominierten de facto Staat als Satelliten und Brückenkopf an der Schnittstelle der türkisch-iranisch-syrischen Welt zu installieren, um a) die PKK/YPG als mit Israel verbündete Miliz (nach dem Vorbild des Verhältnisses zwischen dem Iran und der libanesischen Hisbollah) aufzubauen und b) mit der Schaffung eines solchen weiteren "Kurdistan" von eigenen Gnaden jener Gefahr vorzubeugen, die sich kurzzeitig ab 2012 anbahnte, als die Wahl Mohammed Mursi als Ministerpräsident in Ägypten dazuzuführen drohte, dass Israel zum ersten Male seit seiner Gründung ohne wichtigen strategischen Verbündeten in der Region dasteht.

Was in der gesamten arabisch-islamisch dominierten Region seither passiert, muss unter diesen Prämissen und den darauf folgenden strategischen Gegenzügen des Westens und Israels verstanden und interpretiert werden. Als erste Maßnahme wurde das Experiment "Arabischer Frühling" angestoßen und eine Welle der reaktionären Herrscher und Konterrevolutionäre losgetreten. Diejenigen, die diese Kehrtwende im Sinne des Westens nicht mitmachen wollten und fortan ihre eigenen Ziele verfolgten, wurden als Feind deklariert und zum Abschuss freigegeben - hier ist es Assad nach wie vor, dann vor allem Mursi, danach ist Erdogan zu benennen.

Ein Teil dieser Strategie bestand eben auch unter anderem darin, als "Geburtshelfer" für ein solches "dankbares" und vom Westen abhängiges "PKK-Kurdistan" zu fungieren. Der IS und dessen vorgebliche Bekämpfung war lediglich ein Puzzlestück dieser Strategie. Man muss nicht so weit gehen und behaupten, dass der IS tatsächlich vom Westen erst zu dieser Form fand, jedoch war dieses Gebilde als Pappkamerad in dieser Strategie insgeheim höchst willkommen.

Rechnung ohne die Türkei und Iran

Womit die USA und der Westen nicht rechneten war, dass die Türkei und der Iran dazwischen funken würden. Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei, die losgetretenen gewalttätigen Proteste im Iran, die ins Nichts führten, kann man insofern als die Wehen der USA und des Westens bezeichnen, die in der Türkei dann auch richtig interpretiert wurde. Was im Irak noch durchgesetzt werden konnte, was in Syrien derzeit veranstaltet wird, ist das Resultat der Nachkriegsordnung im Nahen Osten. Damit sind beide Weltkriege und die daraus entstandenen willkürlichen Grenzziehungen gemeint.

Es gibt im Nahen Osten aber nur zwei natürlich gewachsene Staaten und Machtzentren, die quasi aus sich selbst heraus entstanden sind: Das ist zum einen die Türkei, zum anderen der Iran. Alles andere in der Region sind künstliche Gebilde mit Marionetten im Dienste Dritter an ihren Spitzen. Es wird daher früher oder später zu einer natürlichen Bereinigung kommen und dabei werden nicht nur die USA, der Westen oder Israel etwas zu sagen haben, sondern vor allem die Türkei und der Iran. Die PKK wird in diesem Machtkampf erneut die Arschkarte ziehen - das steht bereits in den Geschichtsbüchern fest.

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