Ebru Timtik und die kleinen revolutionären Fans

Ebru Timtik und die kleinen revolutionären Fans

Banner für Ebru Timtik in Exarchia, einem Athener Stadtviertel

Banner für Ebru Timtik in Exarchia, einem Athener Stadtviertel

Die türkische Rechtsanwältin Ebru Timtik ist nach 238 Tagen im Hungerstreik in einem Istanbuler Krankenhaus gestorben. Im März 2019 wurde Timtik wegen Strafvereitelung sowie Mitgliedschaft in der marxistisch-leninistischen Terrororganisation DHKP-C zu 13 Jahren Haft verurteilt. Sie forderte nach der Verurteilung eine Wiederaufnahme und einen "fairen" Prozess und wollte das mit einem Hungerstreik durchsetzen.

Meinung

Mir erschließt sich bis heute nicht, wieso ein archaisches Relikt eines alten Kollektivbewusstseins, der immer mehr in einem "heldenhaften" Freitod endet, auch jetzt noch Menschen in Europa faszinieren, ja sogar die europäischen Politkommissare auf den Plan rufen kann, die Türkei zu verurteilen.

Offenbar hat sich dieser aus imperialer Ära bekannte Voyeurismus bis in die gegenwärtige Zeit gerettet. Der "Märtyrertod", wie sie von stalinistischen Kader-Genossen heroisch stilisiert wird, hat vor allem in Europa eine große politische wie gesellschaftliche Fangemeinde, die sich selbst zivilisatorisch auf der höchsten Stufe betrachten. Deshalb auch diese große mediale Aufmerksamkeit, die diesen sonderbaren Fällen geschenkt werden.

Das Groteske daran ist aber, dass diese verschworene stalinistische Vereinigung von Anwälten und Anwältinnen sich selbst als "modern" betrachtet, aber die archaische Form des Freitods wählt; sprich ein archaisches Überbleibsel, die man nur in Sippen oder Clans des vorletzten Jahrhunderts wiederfindet.

Diese Art der Aufopferung findet aber in der DHKP-C, PKK, YPG und IS immer wieder Freiwillige; auch unter der Hamas. Deshalb ist mir bis heute schleierhaft, weshalb man da einen Unterschied zwischen diesen Burschen und Mädels macht, wenn es um Leben nehmen und damit Terror geht.

Den Freitod beherrschen Halsabschneider der IS genauso gut wie die Terrorverbreitenden Anhänger der DHKP-C oder PKK, die von ihren Genossen dazu angestachelt und dann über den Tod hinaus für die stalinistische Propaganda hergehalten werden. Im westlichen Sprachgebrauch nennt man solche Typen zwar Terroristen. Aber Freitode in Zusammenhang mit der Türkei erweichen offenbar die Herzen der Europäer. Sie werden zu wachsweichen rotroten Genossen und Genossinnen. 

Überraschend ist das nicht, zumal es sich eingebürgert hat, kurdisch-völkische Amazonen, die ihre erste Monatsblutung noch vor sich haben und beim ersten terroristischen Anschlag gegen einen "Aggressor" ins Gras beißen, als heroische "demokratische" Kämpferinnen zu betrachten. Deshalb schaffen die es auch bis in europäische Hochglanz-Gazette, um von hiesigen in Deutschland ansässigen Vereinen gefeiert zu werden, die selbst aus stalinistischen Kaderorganisationen gewachsen sind. Niemand fragt dann noch, ob diese Mädels freiwillig die Kalaschnikow an die Hüfte anlegen oder dazu gezwungen werden. Wieso sollte man auch, wenn der Buhmann längst feststeht?

Ich übergehe dabei den religiös konnonierten Begriff "Märtyrer", der von diesen weltlichen Kommunisten medial ausgeschlachtet und mit ausgestrecktem Arm und Zweifingerzeig gefeiert wird. Kein Wunder, dass das zu einem Werther-Effekt unter ihres gleichen führt und immer mehr sich einen Sprengstoffgürtel anschnallen oder den Hungertod antreten.

Kaum ist also der Körper von Timtik erkaltet, droht man noch offener und noch vehementer damit, die "Schuldigen" bestrafen zu wollen, denn, die "Wahrheit" hat man ja selbst gepachtet. Für diese Sippschaft und Clans gibt es nur die eigene Wahrheit, so wie einst für Stalin, Pol Pot oder Honecker. Alle anderen sind entweder Kapitalisten oder Konterrevolutionäre und damit Systemfeinde.

Revolutionäre verdienen einen Platz, wie Che Guevara auf einem T-Shirt. Heute ist es nicht mehr der T-Shirt, sondern das Internet. Deshalb taucht Ihr Name nach Ihrem Freitod erstmals auch auf Wikipedia auf; von Gleichgesinnten dort verewigt, die wie selbstverständlich von einem "Regime" sprechen, die die türkische Rechtsanwältin "ohne Beweise" eingekerkert und zum Hungerstreik gezwungen hätten.

Wahrheit?

Die Wahrheit ist also eine Ansichtssache. Glaubt man z.B. türkischen Genossen und Genossinnen, werden Häuser von Aleviten ständig für den nächsten Pogrom gekennzeichnet. Zieht man Monate später die polizeilichen Ermittlungsergebnisse heran, war es ein übereifriger Genosse selbst; also ein untätiger Feuerwehrmann der unbedingt Feuer löschen wollte. Von Propaganda verstehen die Genossen und Genossinnen etwas, dass muss man Ihnen lassen.

In etwa so darf man sich die Propaganda dann auch in allen anderen Belangen vorstellen. Wurde ein Genosse oder Genossin verurteilt, rechtmäßig, so war das Ihrer Ansicht nach entweder ein unterbelichtetes Beweisvideo, eine illegal beschlagnahmte Speicherkarte, ein nicht rechtschaffener Richter, ein übereifriger Staatsanwalt im Dienste Erdogans oder Verräter, die sich als Kronzeugen zur Verfügung stellen. Merkwürdigerweise bleibt es meist bei solchen Behauptungen. Ein Beweis dafür wird erst gar nicht erbracht, sondern die Behauptung nur medial vorgetragen; vor allem in Europa, wo Ihre Zentrale sitzt.

Es ist doch paranoid, anzunehmen, dass die türkische Justiz oder Sicherheitskräfte, die auch ein Spiegelbild der Gesellschaft bilden, ständig ein Unrecht nach dem anderen begehen. Die Anhänger dieser Theorie haben daher mit den Ufo-, Covid-19-Lüge- und 9/11-Verschwörungstheoretikern viel gemein; mit dem Unterschied, dass die anderen sich nicht gleich dazu berufen fühlen, Sicherheitskräfte oder Justizangestellte zu ermorden.

Fakten über die DHKP-C und Ebru Timtik!

Fakt ist, dass die DHKP-C ein "Volk" befreien will. Das Problem ist: Das Volk hat diesem marxistisch-leninistischen Haufen diesen Auftrag nie erteilt. Im Gegenteil, das "Volk" hat den Staat mit Wahlergebnissen ständig neu ermächtigt, die DHKP-C und all Ihre Ableger zu verfolgen. Das Volkswillen zählt also, nicht das was manche Kommunisten meinen, als Auftrag zu betrachten.

Im März 2019 verurteilte ein Istanbuler Gericht Ebru Timtik zu 13, Ihren Bruder Barkın Timtik zu mehr als 18 Jahren. Im selben Prozess erhielten die im selben Anwaltsverein tätigen Selçuk Kozağaçlı 11 Jahre, Özgür Yılmaz 13 Jahre, Behiç Aşçı und Şükriye Erden 12 Jahre Haft. Alle verkündeten vor dem Urteilsspruch, dass sie das Gericht sowie diese Staatsordnung nicht anerkennen würden. 

Alle warfen zudem während ihrer letzten Vorsprache vor dem Urteil rundweg den Kronzeugen vor, gelogen zu haben. Im Grunde warfen sie den Kronzeugen lediglich vor, an ihnen und an der Sache Verrat begangen zu haben. Und bekanntlich ist Verrat bei Kommunisten tödlich.

Mord an Mehmet Selim Kiraz

Aber zurück zum Vorwurf. Es ist der 31. März 2015. In Istanbul-Şişli spazieren zur Mittagsstunde Şafak Yayla und Bahtiyar Doğruyol in Anwaltsroben seelenruhig in den Justizpalast. Ihr Ziel ist das Dienstzimmer von Generalstaatsanwalt Mehmet Selim Kiraz, der zu der Zeit die Ermittlungen zum Tod von Berkin Elvan anführt. Elvan wurden während der Gezi-Proteste am 16. Juni 2013 von einer Gaspatrone der Polizei am Kopf getroffen. Kiraz nahm den Fall ernst und hatte zu dieser Zeit bei der Aufklärung des Falls schon einen Teilerfolg zu verzeichnen.

Mehmet Savci Kiraz
Mehmet Selim Kiraz

Nur kurze Zeit später, nach dem Şafak Yayla und Bahtiyar Doğruyol im Dienstzimmer von Kiraz verschwinden, verkündet die DHKP-C über soziale Medien, dass der türkische Generalstaatsanwalt Mehmet Selim Kiraz als Geisel genommen wurde. Es beginnt ein zermürbender Verhandlungsmarathon.

Währenddessen schlachtet die DHKP-C die Geiselnahme in sozialen Medien genüsslich aus. Die Geiselnahme endet trotz Verhandlungen Stunden später nach einem Zugriff der Spezialkräfte der Polizei mit dem Tod der zwei Geiselnehmer, die zuvor den Generalstaatsanwalt mit mehreren Schüssen regelrecht hinrichten.

Bei Şafak Yayla findet man später eine mehrmals zerrissene Notiz, die von Ermittlern wieder zusammengesetzt werden kann. Wie sich erst nach mehreren Monaten und intensiven forensischen Untersuchungen feststellen lässt, sind darin die Namen und Identitätsnummern von Mitgliedern des besagten Anwaltsvereins gelistet. Am 16. April 2015 wird nach intensiven Ermittlungen, der DHKP-C Planer der Geiselnahme, Erdal Ünal, in Italien festgenommen und später an die Türkei ausgeliefert.

Ab diesem Zeitpunkt geht es Schlag auf Schlag. Die Namen in der Notiz - Yağmur Ereren, Süleyman Gökten, Aytaç Ünsal, Şükriye Erden, Naciye Demir, Zehra Özdemir, Engin Gökoğlu, Behiç Aşçı, Ayşegül Çağatay, Didem Baydar Ünsal, Ebru Timtik, Aycan Çiçek, Özgür Yılmaz und Barkın Timtik - geraten ins Visier der Fahnder.

Mitte 2017 nimmt die Polizei nach umfangreichen Ermittlungen erst im Umfeld der 14 Anwälte rund 65 Personen fest, danach weitere zwei Dutzend Personen. Das führt zu Auflösungserscheinung im weichen Kern rund um den Anwaltsverein. Der harte Kern beginnt Ihre Propagandamaschinerie zusammen mit der Musiker-Band Grup Yorum anzufahren. Mehrere Verdächtige können die Generalstaatsanwaltschaft dennoch davon überzeugen, in die Kronzeugenregelung aufgenommen zu werden.

Wenige Wochen später wird auch eine direkte Verbindung zwischen Nuriye Gülmen sowie Şafak Yayla festgestellt, nach dem ein weiterer Kronzeuge belastende Aussagen macht. Demnach hätten beide mehrmals Kontakt gehabt und dabei verschlüsselte Dateien ausgetauscht sowie über einen Bombenanschlag gesprochen. Zu dieser Zeit befinden sich Nuriye Gülmen und Semih Özakça bereits im Hungerstreik und werden von Ebru Timtik anwaltlich betreut.

Ebru Timtik im Büro des Anwaltvereins
Ebru Timtik

Juni 2019 wird bei einer polizeilichen Razzia die zur Fahndung ausgeschriebene Top-Terroristin Kamile Kayır (DHKP-C) im Büro des Anwaltsvereins im Istanbuler Stadtteil Kağıthane festgenommen. Zum Zeitpunkt der Razzia befinden sich auch Ayşegül Çağatay, Nadide Özdemir, Görkem Ağdede, Ebru Timtik, Özkan Aslan und Gülser Sarıgül im Büro. Pikant dabei: Kamile Kayır wird zusammen mit Ebru Timtik in einem Versteck hinter einer Doppelwand aufgespürt, deren Eingang sich hinter einem Heizkörper im Büro verbirgt.

Versteck in der sich Ebru Timtik und Kamile Kayir aufhielten
Versteck im Büro

Wegen Strafvereitelung und mutmaßlicher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation werden die Anwälte und Anwältinnen sowie Büroangestellte in Polizeigewahrsam genommen. Im Büro finden die Ermittler umfangreiches digitales Material, die die Anwältin schwer belasten.

Ebru Timtik vertrat so ziemlich viele Mandaten und Mandantinnen, aber alle hatten eines gemeinsam: ihre Zugehörigkeit zur marxistisch-leninistischen Ideologie der DHKP-C. So beendete ich die Recherchen zu Timtik, nach dem ich festgestellt hatte, welche Mandanten und Mandantinnen Sie verteidigte: Gülşah Işıklı, dessen Bruder und Polizeimörder Sultan Işıklı. Zudem Taylan Tanay, einem weiteren hochrangigen DHKP-C Strafverteidiger, der ebenfalls in Haft sitzt.

Unschuldig oder unpolitisch aktiv war die Rechtsanwältin jedenfalls nicht, vor allem nicht an Ihrer Verhaftung und Verurteilung. Ebru Timtik hatte alle Möglichkeiten des Rechts, Ihre Unschuld dennoch unter Beweis zu stellen. Sie hatte die Möglichkeit, das Urteil anzufechten, ja bis vor das türkische Verfassungsgericht zu bringen. Wenn Timtik hier gescheitert wäre, hätte Sie auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen können. Timtik tat es nicht. Sie wollte daraus Kapital für sich, vor allem für Ihre ideologischen Waffengenossen und Waffengenossinnen herausschlagen. Das ging Ihrem Kalkül nach nur mit einem Hungerstreik, um so den Rechtsstaat zu erpressen.

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