Der deutsche Rudeljournalismus und die Türkei

Der deutsche Rudeljournalismus und die Türkei

Der deutsche Rudeljournalismus und die Türkei

Der deutsche Rudeljournalismus und die Türkei

Als ob man in Deutschland den Schalter umgelegt hätte - seit 2013-2014 wird die deutsche Medienlandschaft von einem Rudeljournalismus dominiert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Türkei unter Druck zu setzen oder die eigene Leserschaft an der Nase zu führen.

An manchen Tagen wird es derart krass, dass man morgens in Tankstellen-Shops auf Werbedisplays von türkischen Themen geweckt wird, mittags im Radio bizarre Geschichten über die Türkei hört und abends zur Primetime im Fernsehen fürchterliches über die Türkei vermittelt bekommt, während man in sozialen Medien von besorgten Bürgern gemaßregelt, von Politikern, Persönlichkeiten und Journalisten geblockt oder einem Gesinnungstest unterzogen wird. Man hat in diesem elitären Kreis schlichtweg eine eindeutige negative Position zur Türkei einzunehmen oder wird Freiwild.

Wie kommt aber diese krasse Diskrepanz zwischen dem was man in Deutschland vermittelt bekommt und was man teilweise real in der Türkei mitverfolgt, zustande? Was läuft hier eigentlich schief? Lügen die Medien etwa?

Wenn deutsche Zeitungsverlage beginnen, vermehrt in türkischer Sprache zu berichten, darf man sich angesichts der heftigen Integrationsdebatten oder der Fremdsprachverbote auf Schulhöfen, sehr wohl Sorgen darüber machen, wie es um deutsche Qualitätsmedien und der deutschen Politik steht.

Noch interessanter wird es, wenn Exil-Türken in Deutschland von Anbeginn ihrer Anwesenheit in Deutschland, zu Lohn und Brot sowie ein breites Betätigungsfeld kommen, mit Preisen überhäuft werden, wo andere sich das erst hart erarbeiten müssen - wohlgemerkt zweisprachig. Bemerkenswert wird es auch, wenn man nach gegenteiligen Meinungen und Kommentaren in Qualitätsmedien sucht, um sich ein umfassendes Bild über das angesprochene Thema machen zu können. Es gibt schlichtweg keine und wenn, dann einzelne Ausnahmen, die im Dickicht untergehen.

Machen wir uns doch nichts vor und Denken mal pragmatisch darüber nach. Selbstverständlich lügen die deutschen Qualitätsmedien. Ob aus Existenznot heraus, weil es der eigenen Ideologie entspricht oder weil die Politik oder Mächtigen das Maßstab aller Dinge sind, die vorgeben, worüber man wie zu berichten hat. 

Selbstverständlich gibt es auf der anderen Seite in der Türkei die selben Qualitätsmedien, die ebenso lügen. Die Kunst des Betrachters liegt nun darin, sich von beiden Seiten mit Informationen zumüllen zu lassen und dabei den eigentlichen Wahrheitsgehalt herauszufiltern.

Wir Türken in Deutschland, konkret gesagt jene, die sich keiner politischen Instanz hier wie dort zugehörig fühlen, jedoch auch ein starker Band mit der Türkei verbindet, sitzen zwischen zwei Stühlen. Wir haben daher die Möglichkeit, das eine mit dem anderen abzuwägen, weil wir nicht nur hier leben, sondern auch in der Türkei Verwandte, Freunde und Bekannte haben, selbst immer wieder dort sind. Wir beherrschen nicht nur beide Sprachen, sondern können auch in die Mentalität und Kultur eintauchen und verstehen, wie die Gesellschaft tickt, was derzeit angesagt ist und was die Nerven strapaziert. Wir können erkennen, wann eine Nachricht Bewusstseinstrübung betreibt, wann Ideologie verbreitet wird, wann die Türkei unter der Hand als Feindbild etabliert wird und wann nicht. 

Hinter dieser wohlfeilen Rhetorik der Politik und Medien, die wir sehr wohl erkennen können, stecken Motive die verschleiert werden, um damit das Handeln legitimieren zu können. Hier hat sich ein Rudeljournalismus organisiert, hat sich eine gewisse politische Machtstruktur etabliert, die mit Akkumulation der Negativschlagzeilen eine Enteignung des türkischen Volkswillens anstrebt.

Oder anders gesagt; was zum Teufel haben türkischsprachige Nachrichten in deutschen "Qualitätsmedien" zu suchen, die Türken in Deutschland ansprechen sollen? Wie kommt es, dass die türkische Politik nach Deutschland transportiert wird, samt Konflikten und Krisen, um hier darüber breit und tief zu sinnieren, ja sogar die Politik zu beeinflussen?

Dieses altbekannte Vorgehen gibt es seit Jahrhunderten, ja sogar seit bestehen der Menschheit an sich. Menschen von einem anderen Stamm für die eigenen Interessen einzusetzen, war doch das mindeste was ein Höhlenmensch mit Keule beherrschen musste. Als Kolonialist sich jemanden vom Volk schnappen, um ihn dann gegen das eigene Volk zu verwenden - sei es bei der Übersetzung von Botschaften, Forderungen oder Knebelverträgen, ja sogar im Kampf gegen diese "Barbaren" oder "Unzivilisierte", sollte doch die leichteste Übung sein. Und wenn die Journalie diese "Barbaren" und "Unzivilisierte" entsprechend schriftlich und bildlich kostümiert an den Mann oder die Frau bringen kann, ist das eigene Volk bereits abgehoben und versteht sich unerschütterlich als Nabel der Welt.

Journalismus sollte nicht diese Aufgabe übernehmen, schon gar nicht als Rudel. Dieser Rudeljournalismus, angetrieben durch die Politik selbst, muss aber fremde Völker zur Räson bringen, um mitunter auch im eigenen Land die bestehenden Verhältnisse zu erhalten oder schön zu reden. Vielleicht ist der Vergleich weit hergeholt, aber Hitler musste die Okkupation von Nachbarländern auch fortsetzen, um mit dem Beutegut fremder Länder das eigene Volk bei Laune zu halten, damit auch die eigene Macht. In etwa so kann man sich das ganze in Deutschland erneut vorstellen.

Das Problem dieses Rudeljournalismus ist aber, dass die uns vorgetragenen Negativschlagzeilen uns trotz des wachsenden Einfluss auch zum scharfsinnigen Denken anregen und damit das Gegenteil erreichen. So ist man in der Lage, die Widersprüche der allgemeinen "Wahrheit" dieses Rudeljournalismus und Politik zu erkennen, weil es immer offensichtlicher zutage tritt.

Ist auch verständlich, nicht wahr? Bis 2013 wurde die Türkei nahezu gefördert. Der damalige Ministerpräsident Erdogan wurde geradezu auf Händen getragen. Gestern war der Staat und der Repräsentant noch "Freund", heute ist das Land eine "Hölle auf Erden" und der Repräsentant die Reinkarnation von Hitler. Und die eigentlichen Repräsentanten sind ja laut dieser Lesart jene Exil-Türken und Haustürken, die schon immer die Wahrheit gepachtet hatten und die anderen Bösewichte wie Trolle, Fanatiker und verkappte Ideologen enttarnen.

Eben diese ständig überspitzte Berichterstattung, wobei der journalistische Kodex schon lange nicht mehr relevant ist und die rote Linie immer weiter vor sich hergeschoben wird, macht es uns Türken leicht, Propaganda zu erkennen.

Was hatte sich nach 2013-2014 also geändert, dass das soweit kommen konnte? In Deutschland auf den ersten Blick nicht viel, aber in der Türkei einiges! Im März 2013 rief Terrorfürst Abdullah Öcalan die PKK zu Friedensgesprächen mit der Türkei auf. Im Mai 2013 fand der Gezi-Protest statt. Im Dezember 2013 erschütterte ein Korruptionsskandal das türkische Regierungskabinett. Die türkische Justiz begann daraufhin die Gülen-Bewegung zu verfolgen. Im August 2014 gewann Erdogan die Präsidentschaftwahl und während dieser ganzen Zeit gingen Bomben hoch oder sprengten sich marxistisch-leninistische Genossenschaften und religionsfanatische Halsabschneider in die Luft. Und während dieser Ereignisse, machte man sich in Deutschland Sorgen über ein anderes Volk und legte deshalb den Rückwärtsgang ein? Das kann man vielleicht einem in Papua-Neuguinea schmackhaft machen, aber nicht uns!

Was auch immer der Grund war oder ist, die deutschen Medien, die vierte Gewalt im Staat, die eigentlich die eigenen Mächtigen kontrollieren, versuchen seitdem augenscheinlich einen anderen Mächtigen unter Kontrolle zu bringen. In Wahrheit versuchen sie die eigene Macht zu erhalten und zu festigen, von den eigenen Unzulänglichkeiten und Miseren abzulenken. Das Absurde daran ist doch, dass diese deutschen Medien in weiten Teilen der eigenen Bevölkerung keinen Vertrauensvorschuss mehr haben und sich deshalb bei den Titelschlagzeilen über die Türkei geradezu gegenseitig überbieten, um damit noch halbwegs durchzukommen. 

Deshalb ist dieser Rudeljournalismus auch nicht nur so zu verstehen, als richte es sich ausschließlich gegen die Türkei. Vielmehr vernebelt es auch die deutschen Missstände und Verhältnisse. Einer der bedeutendsten Intellektuellen dieser Zeit, Noam Chomsky, hatte das so zusammengefasst: "Indoktrination ist keineswegs inkompatibel mit der Demokratie. Vielmehr ihre Essenz. Ohne Knüppel, ohne Kontrolle durch Gewalt muss man das Denken kontrollieren. Dazu greift man zu dem, was in ehrlichen Zeiten Propaganda genannt wurde."

Deshalb können in Deutschland u.a. fundamentaloppositionelle Exil-Türken wie Can Dündar oder Bülent Murmay von 0 auf 100 ihre Arbeit aufnehmen, stehen im verborgenen arbeitende Organisationen mit sehr viel Manpower und Finanzmittel dahinter, um bewusst und zielgerichtet die Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen zu manipulieren; sprich, es ist wie Chomsky richtig zusammenfasste, ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften, sich von der vierten Gewalt lenken zu lassen.

Das bringt aber auch mit sich, dass zur Verteidigung dieser Manipulation, Zensur und Gesinnungsprüfung angewendet werden müssen, da die rationellen Argumente für diese manipulative Berichte nicht mehr lange zu rechtfertigen sind. Unter dem Deckmantel des "Netzwerkdurchsuchungsgesetzes" oder Kontrolle der sozialen Medien nach "Fake-News" durch Recherche-Organisationen, ist man sogar fest entschlossen, den Kampf gegen alternative Medien und selbstständiges Denken aufzunehmen, die von einem Großteil der Medien auch noch frenetisch begrüßt und unterstützt wird.

Das geht offenbar auch ausgerechnet dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, zu weit. In einem Interview erklärte er, das George Orwell dagegen harmlos gewesen sei, was hier stattfinde. Er habe den Eindruck, dass ein paar Grundprinzipien freiheitlicher Gesellschaftsordnung mit Füßen getreten werde. "Viele böse Dinge dieser Welt begannen im Namen der guten Absichten. Die gute Absicht heilt den Bruch eines Prinzips nicht. Was Wahrheit ist, definiert keine Regierung. Und was den Menschen zuzumuten ist, sollten nicht Zensurbehörden definieren."

Wenn Döpfner von "Zensurbehörden" spricht und dabei auf Deutschland schielt, Chomsky die These vertritt, dass die vierte Gewalt, wie auch immer sie arbeite, ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften ist, dann wird gegenwärtig die deutsche Medienwelt von einem Rudel Journalisten gelenkt, die faktisch seit 2013 auch über die Türkei manipulativ berichten.

Nehmen wir doch den Fall des WELT-Journalisten Deniz Yücel. Die deutschen Medien berichteten, Yücel hätte sich vor der Verhaftung selbst der Polizei in Istanbul gestellt. Was ist an dieser Meldung nun unwahr? Ohne das ein Teil der Meldung falsch wäre, verdreht diese Titelschlagzeile einige Fakten und enthält auch keine relevanten Fakten. Deniz Yücel stellte sich der Polizei, weil er nach über einem Monat in der Sommerresidenz des Auswärtigen Amtes in Istanbul offensichtlich die Schnauze voll hatte, wo er erst mal die Ladung ignorierte und dann die Polizei für dumm verkaufen wollte, in dem er den Eindruck erweckte, nicht im Land zu sein. Vielmehr kann man sich sehr wohl vorstellen, dass während dieser Zeit die Regierungskanäle glühten und wie im Bazar darum gefelischt wurde, ob er sich nun der Justiz stellt oder auf dem direkten Weg nach Deutschland abwandern darf. Daran kann man die ganze Problematik medialer Desinformation erkennen und dabei hatte auch die deutsche Bundesregierung indirekt mitgewirkt.

Gegenwärtig wäre es genauso leicht, das Gros der Meldungen auf genau dieselbe Weise auseinander zunehmen, wovon der verstorbene Journalist und Korrespondent Peter Scholl-Latour ein Lied singen konnte: "Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von taz bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten. Ähnliches fand ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt." Der Mann bezichtigte also seine eigenen Berufskollegen der Propaganda und Hirnwäsche.

Eigentlich sind also diese Berufskollegen von Scholl-Latour Brandbeschleuniger, Aktivisten, die sich als Sprachrohr für ein gewisses intellektuelles oder politisches Klientel oder Elite verdingen. Sie tun dabei so, als könnten sie u.a. die Türkei erklären, obwohl sie weder die Sprache noch die Kultur kennen und immer von sich bzw. ihrem Herkunftsland auf andere oder ein Land schließen.

Schön wäre es aber, sie könnten sich eingestehen, dass sie selbst Mühe haben, das Land und die Leute zu verstehen oder zu dechiffrieren, gerade weil sie nicht von dort stammen und absolut keine Ahnung haben, wie das Land lebt.

Scholl-Latour machte sich ja noch die Mühe, vor Ort aus Krisenherden zu berichten und dabei in die Mentalität wie Kultur zu versinken, um ein Abbild dessen wiederzugeben, was interessant ist und nichts weg lässt oder hinzudichtet. Gegenwärtig scheinen aber seine Berufskollegen viel mehr auf Aktivisten vor Ort zu setzen, die für das eine oder andere Lager zuarbeiten und dabei als Hebel deutsche Journalisten benutzen, die sich mit diesen assozieren.

Journalismus bedeutet aber nicht, sich als Wahrsager in einem Kaffeesatz auszutoben und das eigene Klientel zu belustigen, sondern sich von den Unklarheiten der Realitäten fesseln und treiben zu lassen. Erstere werden von untrainierten Lesern schnell entlarvt, während Letztere interessierte Leser in den Bann ziehen können, weil sie investigative Informationen liefern.

German
Thema