Başbağlar bleibt ein weißer Fleck auf der Landkarte

Başbağlar bleibt ein weißer Fleck auf der Landkarte

Başbağlar bleibt ein weißer Fleck auf der Landkarte

Başbağlar bleibt ein weißer Fleck auf der Landkarte

Am 5. Juli jährt sich zum 19. Male das Massaker in Başbağlar, einem Dorf in der Nähe der Kreisstadt Kemaliye in der Osttürkei. Trotz der Brutalität die an diesem Tage das Dorf heimsuchte, bleibt das Ereignis bis heute in der öffentlichen Diskussion, insbesondere zu einem anderen Massaker die damit in Verbindung steht, fast unerwähnt.

Eine Augenzeugin die das Geschehen am Anfang zum Teil aus einem Fenster heraus mitverfolgt hatte, erzählte kurz nach dem Eintreffen der Sicherheitskräfte, Terroristen hätten von Tür zu Tür die Dorfbewohner namentlich erwähnt und aufgefordert das Haus zu verlassen. Am Sammelpunkt habe man jemanden gerufen der zur Gruppe gehört habe, es sei ein Helfer, ein im Dorf bekannter Mann gewesen, der von Zeit zu Zeit bei der Ernte ausgeholfen hätte. Später habe man auch Frauen, Kinder und auch Sie aus dem Haus getrieben und an einen Bach geführt wo sie von einer Frau und einem Mann bewacht worden seien. Was dann geschah ist bis heute nicht gesühnt, die von der Polizei als mutmaßliche Mörder gestellten, längst frei. Nur zwei von 20 mutmaßlichen Tätern wurden nach mehr als 5 Jahren aufgrund der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zu Haftstrafen verurteilt, die anderen wegen Verfahrensfehlern freigelassen. Bis heute versuchen die Angehörigen und der Ortsvorsteher, dass Ereignis in die Öffentlichkeit zu tragen und das Geschehen aufarbeiten zu lassen. Vergeblich.

Es ist der 5. Juli 1993, spät Abend. Das Ereignis von Sivas, bei der 35 Menschen, 2 Hotelbedienstete und 33 Gäste der Veranstaltung durch Feuer ums Leben kommen, die von einer progromartigen religiös motivierten Massenbewegung gelegt wird, ist gerade 2 Tage her. Die Gesellschaft ist entsetzt und gespalten zugleich. In Başbağlar sammeln sich zum Teil Dorfältere in der Moschee, andere haben sich nach der Feldarbeit in die Häuser begeben. Es ist dunkel als etwa 100 PKK-Terroristen zuerst die Telefonleitungen am Mast die in das Dorf führt, durchschneiden. Dann teilt sich die Gruppe auf, rennt von Tür zu Tür und ruft die Männer und erwachsen wirkenden Jugendlichen teils namentlich heraus. Als man sich vergewissert hat, alle männlichen Dorfbewohner zusammen zu haben, werden auch Frauen und Kinder aus den Häusern getrieben und an einen nahen Bach geführt. Die Männer werden ausserhalb des Dorfes in ein Feld getrieben. Hier und am Bach werden die Dorfbewohner zuerst über die PKK "aufgeklärt", beschreibt eine Überlebende des Massakers. Dann erhält der mutmaßliche Gruppenführer über Funkgespräche anscheinend die Order alle männlichen Dorfbewohner nieder zu schießen, denn die Gruppe postiert sich vor die zusammen gerotteten Dorfbewohner.

Aus den im Anschlag gehaltenen Kalaschnikows sieht man nur das Mündungsfeuer und hört lautes Geschrei, erzählt ein 9-jähriger, der sich an die Mutter geklammert hat. Er verliert an diesem Tag den Vater und den Großvater. Später stellt sich heraus, dass die PKK-Terroristen 5 Personen aussortiert und sie wieder in das Dorf geführt hatten, wo man sie lebendig verbrannte und teilweise erschoß. Andere Leichen wiesen neben den Schußwunden auch extreme Gewalteinwirkung am Rumpf oder am Kopf auf. Ein Überlebender der sich während der Gewehrsalven Tod stellte, sagt aus, man habe nach dem Niedermähen jeden einzelnen der am Boden gelegen sei, abgegangen und einen oder mehrere weitere Schüße abgegeben. Man habe ihm selbst zwei mal in den Rücken geschossen. Nach der anderthalb stündigen Tyrannei flieht die mehr als 100 Personen starke Gruppe in die Nacht.

Zurück bleiben 33 Todesopfer, 28 Männer, 1 Kind und 4 Frauen, die erschossen, verbrannt oder entstellt wurden. Das Dorf steht in Flammen. 214 Häuser, die Dorfschule, eine Moschee und ein Volkshaus werden bei Tageslicht nicht mehr stehen. Zurück gelassen wird auch ein Bekennerschreiben, in der die PKK sich für die Tat verantwortlich zeigt und darin mitteilt, das Ereignis von Sivas damit vergolten zu haben. 17 Stunden später treffen erste Sondereinsatzkräfte am Dorfrand ein und trauen ihren Augen nicht. Das Dorf ist zerstört. Frauen und Kinder stehen verstreut und entsetzt vor den Trümmern und Leichen ihrer Angehörigen. Staatliche Stellen organisieren den Abtransport der Hinterbliebenen, um sie zu Verwandten und Bekannten in den Großstädten zu bringen.

Bis heute ist dieses Ereignis ein Schatten von Sivas geblieben. Manche haben die Auffassung, der Staat habe Başbağlar vergessen gemacht, um eine Eskalation zwischen den Religionsangehörigen, den Sunniten und Aleviten zu verhindern, andere meinen hingegen, es sei eine Sache der Ergenekon gewesen, um einen Bürgerkrieg auszulösen, der Staat habe nur das Leichentuch darüber gelegt. Unumstößlich ist nur, dass die PKK die Tat gebilligt hat; Abdullah Öcalan, der PKK-Terrorchef wird nach seiner Verhaftung vor Gericht über dieses Ereignis befragt, in der er die Tat der PKK zuschreibt. Bis heute wurde kein einziger Täter verurteilt. Kurz nach der Tat verhaftete die Polizei und die Gendarmerie zwar 20 Personen, die aufgrund von Täterbeschreibungen erfolgten, doch nach der fünfjährigen Untersuchung und Gerichtsverhandlung wurden schließlich 18 Personen wegen Verfahrensfehlern entlassen. Trotz der Vernehmungsprotokolle der Polizei und Gendarmerie, hielt die Staatsanwaltschaft und das Gericht daran fest, dass die mutmaßlichen Täter unschuldig in Untersuchungshaft gehalten wurden. Nur zwei der 20 Personen mussten sich wegen Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung verantworten. 

Das Dorf selbst hat mittlerweile mit eigenen Mitteln ein Mahnmal auf dem Dorfplatz errichtet und versucht seitdem verzweifelt, die juristische Aufarbeitung und gesellschaftliche Anteilnahme zu erwirken, ohne Erfolg. Wenn dieses Jahr erneut die Gedenkfeier für die Opfer von Sivas stattfindet, werden die Angehörigen und Hinterbliebenen aus Başbağlar erneut bemerken, wie nah der Schmerz und das Leid beinander sind, doch das gemeinsame Gedenken, diesmal für ihre Opfer wie ein weißer Fleck auf der Landkarte erscheint.

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